BALLshoi Theater. Randbemerkungen aus Russland

    Ekaterinburg, 27. Juni

Deutschland und Vorrundenaus – das sind zwei Wörter wie Scheisse und Erdbeeren: sie gehören nicht zusammen. Und das in Kasan „V“ dann einmal nicht für „Victory“, sondern tatsächlich für „Vorrundenaus“ stand, wird in Deutschland noch lange zu denken geben. Und mit zwei Toren in der Nachspielzeit der zweiten Hälfte bekam die deutsche Elf von wackeren Südkoreanern genau das doppelt um die Ohren gehauen, was Kroos’ Freistoss zuvor dem späteren Gruppenersten Schweden eingeschenkt hatte. Mehr als graue Mausschaft denn als Weltmeistermannschaft agierten die deutschen Kartoffeln in allen Spielen. Satt und einfallslos, müde und fehlbesetzt, selbstgefällig.

Eigentlich wie so oft in den letzten zehn Jahren. Dich eben immer siegreich. Das ich also das noch erleben darf! Wie oft habe ich gehofft, dass diese Drecksbande untergeht, weil sie in meinen Augen doch so sehr das verkörpert, was ich an Deutschland nicht mag. Das Überhebliche, während man sich wie unter aller Sau benimmt. Das Siegesgewisse, was an ein weisses Überlegenheitsdenken anknüpft, weggewünscht durch die Absolution, dass Boateng, Khedira, Özil und Gündogan ja auch mitspielen. Kein anderes Land steht in meine persönlichen Erinnerung so sehr für das Sprichwort: Dummheit und Stolz wachsen aus dem gleichen Holz. Kein Land steht in meiner persönlichen Erinnerung so sehr dafür stolz zu sein darauf, dass die Geschlechtsteile ihrer Eltern ausgerechnet in Düütschland ineinanderpassten.

Es ist ein etwas surreales Geschenk, dass ich gern annehme, währenddessen ich in Ekaterinburg war, wo die Schweden doch tatsächlich die Mexikaner mit 3:0 abservierten und noch Gruppenerster wurden. Und in der Craft Mini Bar in der Ulitsa Voyevodina schaute ich danach nicht nur Serbien – Brasilien, sondern geniesse es auch mit einigen Schweden und Mexikanern dabei zuzuschauen, wie sie bei Bier der Craft Beer-Brauereien Bakunin und Jaws ihre Shirts tauschen und singen „Deutschland kaputt, Deutschland kaputt“. Während die Schweiz wohlverdient emsig in die nächste Runde zog, und dort nun im Schatten der Grossen an einer kleinen Legende arbeitet.

Was auch schön ist: Fussball gucken so ganz ohne Ultras. Mit Menschen, die emotional sind und so aufs Spiel reagieren. Und nicht diese imaginierte, strukturierte Emotion der Ultras, die gar keine Emotion ist. Keine Fehlanalysen von Ultras über das, was sie „Gegen den modernen Fussball“ nennen, obwohl sie nur das meinen, eigentlich den modernen Fussball zurückwollen. Die Moderne des Fussballs waren nämlich die als selig verklärten Zeiten von Landesmeisterwettbewerb, Europacup, uneingeschränkten Stehplätzen, Pyroduldung und dem, was vor dem Bosman-Urteil war, also ca. 1970-1992. Aber das peilen die nicht. Keine konstruierte Stimmung mit der diktatorischen Aufforderung zum Mitmachen, kein Elitegegucke, kein Jungmännergetue, kein Platzhirschgebaren auch ausserhalb der Tribünen. Fraulich, herrlich, einfach gut.

Was zuvor passierte: Einigen brasilianische, kolumbianische und argentinische Fans, die sexistisch in den Strassen aufgefallen waren, wurden die Fan IDs ungültig gemacht, was das Aus für ihre Tickets und Russland bedeutet. Das gleiche gilt auch für zwei wohlbekannte englische Althoolnazis, die ausgerechnet in einer Kneipe in Volgograd, dem ehemaligen Stalingrad, nach dem Sieg der Three Lions gegen Tunesien Nazisongs gesungen, Auschwitz bejubelt und mehrfach den Hitlergruss gezeigt hatten.

    Nischny-Novgorod Kaliningrad, 18.-26. Juni

Schon als die Nati den unsympathischen Brasilianern einen Punkt abtrotzte, fing ich als in der Schweiz lebende deutsche Kartoffel erstmals an, genauer hinzuschauen. Noch war es wegen den betretenen Gesichtern der Brasilianern, die sich hinter ihrem ach so tollen Ruf verstecken und einem Neymar, der mehr umfiel als alles andere. Einfach lächerlich, der Kerl.

Hinzu die (männlichen) brasilianischen Fans: überall, wo sie mir im Weg stehen sind sie grenzenlos unsympatisch: Überheblich plärren sie ihre Songs herum, mehr einem Medienklischee entsprechen müssend, als aus sich selbst heraus motiviert. Homophobe Sprüche in den Strassen und unbekümmerter Machismo gipfelt im Sexismus gegen russische Frauen. Denen singen sie melodisch wohlklingend und rhythmisch sexistische Lieder auf Portugiesisch vor, ihre Fickbewegungen sollen die nichtsahnenden Russinnen zum Mitmachen animieren. Sprachlich verloren und nett lächelnd machen diese mit. Und die Brasilianer lachen sich ihren heteronormativen Ast ab. Dafür gab es viele Beispiele.

Und als die Nati dann das Spiel meisterlich gegen die samt Fans und Team ebenso unsympathisch daherkommenden Serben drehte, war ich Nati-Fan. Die Zurückkommer! Zweimal nun schon Spiele gedreht. Technisch versiert, spielerisch flexibel, fleissig und kämpfend. Von allem alles zur rechten Zeit. Die Serben starteten stark, angepeitscht von ihren Fans, die mehr Aggro gegen die Schweizer als proaktive Fangesänge für das eigene Team übrig hatten. Direkt vor mir im gemischten Block ein serbischer Vollspinner, der ständig die Schweizer um sich herum mit Fuckfingern und ruckartig sich hebenden Armen provozierend, als wolle er sie zur Prügelei auffordern und sagen: Na, was wollt ihr denn? Dabei lief sein Gesicht immer so puterrot an, als hätte er kein Blut mehr im Restkörper. Und nach der Niederlage nur am Rumjammern. Einige serbische Offizielle taten es ihnen dann ja gleich.

Nur weil Serben sich wie Herrenserben aufführen, rumheulen und sich beleidigt fühlen, ist die Adlergeste von Xhaka, Shaquiri und Lichsteiner noch lange keine nationalistische Provokation oder gar eine Foprderung nach einem Grossalbanischen Reich, wie es ein wichtigtuerischer BBC-Journalist Öl ins Feuer giessend gebärdete. Die Geste war unnötig und dumm, kein Fairplay – okay! Sie hätte mit den falschen Spacken im Stadion zu Gewalt auf den Rängen führen können. Die Frage ist nur, wie lächerlich das ausgesehen hätte, wenn die Serben in den lieb-freundlichen Schweizern hier im Stadion einen Gegner gesucht hätten. Vielleicht wäre noch mehr Richtung Spielfeld geflogen. Ich selbst musste mehrfach sehen, wie ein Ordnerboss in den Block musste, um Leute davon abzuhalten, ihre Natels zu werfen. Vom ständigen ausbuhen der kosovo-albanischstämmigen Spieler ganz zu schweigen. In der Geste von Xhaka und Shaqiri zeigt sich vor allem, wie sehr Fussballprofis eben grosse Kinder sind, die den ganzen Tag Playstation spielen, ihre Muskeln Blödpumpen, beim Tättowierer Aua schreien oder in einem Baumarkt Autogramme schreiben, anstatt Grösse zu entwickeln. Aber die Antwort auf dem Platz, ja, die haben sie gegeben.

Insgesamt gesehen bin ich mit den Ergebnissen des Turniers erstaunlich zufrieden. Das argentinische Team, im Vergleich zum brasilianischen eher dämlich als unsympathisch standen genauso vor dem Aus, wie die Deutschen sich gegen Mexiko zurecht blamiert haben. Frankreich ist auch noch nicht so überzeugend und bei England und Belgien bleibt abzuwarten was wird, wenn sie gegeneinander auflaufen. Ägypten ist raus: Das ist der gerechte Lohn dafür, wenn mensch sein Trainingslager unbedingt in Tschetschenien aufschlagen muss, sich beim Diktator Schwulenfolterer Khadyrov auf den Schoss breitmacht und das Maul nicht aufkriegt. Das hat dann am Ende Salah aufbekommen, der nun wohl nicht mehr für die Ägypter spielen mag, weil er sich vom Team politisch kanonenverfüttert vorkommt.

Die Russen sind überraschend leichtfüssig weiter, was der Stimmung aller Reisenden im Land zu Gute kommen wird. Japan kommt weiter, das gönne ich ihren positiv frenetischen und zur richtigen Zeit sich zurückhaltenden Fans. Senegal kann weiterkommen, nicht aber die langweiligen Breitfüsser aus Island, deren Uhhhhh-Gesang genauso so viel verbale Einöde offenbart, wie wie ihre Landstriche die esoterischen Beknacktheiten ihrer Bewohner und Besucher unterstützen. Mit Feenfussball hat das nix zu tun. Nur mit den Kroaten, die ich in Nizshny-Novgorod gegen das marode Argentinien sah, gibt es nach den ersten zwei Spielen wohl einen Geheimfavoriten, mit dem ich noch nicht so ganz warm werde.

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    Moskau & St. Petersburg, 15.-17. Juni

Pünktlich zum Eröffnungsspiel eröffnete das Diversity-Haus von Fare network in Moskau. Tag und Nacht hatten die Aktivist*innen Möbel verrückt und Ausstellungswände in Rekordzeit gedruckt, um einen sicheren Ort und Treffpunkt für Fans der WM zu schaffen, die Minderheiten angehören. Bis zum WM-Ende finden im Diversity-Haus Veranstaltungen statt, ob es nun um Themen wie LGBT+ im Fussball, Barrierefreiheit und Inklusion oder Rassismus im Fussball und die Situation von ethnischen Minderheiten in Russland geht.

Dafür, dass das Budget knapp geschnitten war, zeigten hier ganz schön viele ihr Gesicht, insbesondere aus der Riege, die sicher gut und gerne einige Stutz mehr hätten dazusteuern können. Denn neben Piara Powar für Fare network, beschallte auch der Ex-Chelsea-Profi und jetzige Antidiskriminierungsbeauftragte des russischen Fussballverbands Alexey Smertin die Besuchenden mit Lobeshymnen auf den ach so kosmopolitisierenden Fussball. Und auch Federico Addiechi von der FIFA-Nachhaltigkeitsabteilung gab sich die Ehre, betonte die Fortschritte der FIFA in Sachen Vielfalt und Antidiskriminierung bei dieser WM. Unter die zahlreichen, auch lokalen Aktivist*innen mischten sich der ehemalige Premier League-Profi und jetzige BBC-Kommentator Jason Roberts, die ehemalige kanadische Nationaltorhüterin Karina LeBlanc und das ehemalige FIFA-Exekutivmitglied aus Australien, Moya Dodd. Der Eröffnungsmoment fühlte sich historisch an, auch wenn die schützenden Fittiche, die der globale Glitzerfussball-Event schafft, vermutlich vorübergehend bleiben.

Fare network hat es seit seiner Gründung geschafft, zum global führenden Antidiskriminierungsnetzwerk rund um den Fussball aufzusteigen. Mit der FIFA koordiniert es erstmals bei einer WM hier ein Monitoring-System, das drei Beobachter bei jedem Spiel einsetzt, die sich – speziell geschult – nur auf mögliche diskriminierende Ausfälle von Fans konzentrieren. Zusätzlich zum Diversity-Haus in Moskau gibt es auch einen lesenswerten Diversity-Guide online, die stets aktualisiert wird. Dazu gehört auch eine WhatsApp-Helpline zum sammeln von diskriminierenden Vorfällen und als Erstanlaufstelle für Opfer von Diskriminierung.

Am gleichen Tag sollte auch das Diversity-Haus in St. Petersburg geöffnet werden, aber am Ende zog der Vermieter des Gebäudes den unterschriebenen Vertrag kurzerhand zurück. Druck von wem? Was passiert war, blieb unklar. Auch Schützenhilfe der FIFA blieb erfolglos, aber Fare network fand kurzerhand einen neuen Ort, so dass am Abend des 16. Juni dann doch eröffnet werden konnte. Bemerkenswerter Einsatz, den auch die Augenringe der Organisatoren eindrucksvoll demonstrierten.

Einen Tag nach der Eröffnung des Hauses in Moskau, fand dort auch die Kick-Off-Veranstaltung der Russian LGBT Sport Federation statt, die erstaunlicherweise durch eine Grundlagenförderung der die FIFA ihr Festival „Football for All“ gegen Homophobie und Sexismus im Fussball starten konnte, mit einer Austellung, Fussballspielen zur Sichtbarmachung der LGBT-Community und ihrer Unterstützer, mit einer internationalen Konferenz zu Homophobie im Fussball zum Abschluss im Juli. Neben der britischen Botschafterin Laurie Bristow sprach auch wieder der FIFA-Vertreter vom Vortag, der erklärte, dass die FIFA kurz vor der WM einen Beschwerdemechanismus gegen Menschenrechtsverletzungen eingeführt hatte, bei dem Menschenrechtler und ebensolche Organisationen Vorfälle melden können, damit ihnen nachgegangen werden kann.

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Während Aleksandr Agapov, Präsident der Russian LGBT Sport Federation zum Eröffnungsspiel von ausgerechnet Russland gegen ausgerechnet Saudi-Arabien ausgerechnet während der Eröffnungsrede Putins eine Regenbogenfahne im Stadion schwang und damit jetzt schon das Beinaheselfie des Turniers schoss, gibt es zu dem Angriff auf ein vermutlich französisches schwules Paar in St. Petersburg (siehe vorheriger Blogeintrag unten) noch keine neuen Infos gibt. Die Opfer scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Keine Stellungnahmen der französischen Botschaft, der französischen Nationalelf, der russischen Regierung oder vom Bürgermeister von St. Petersburg, keine von der FIFA. Internationale Medien berichten nicht. Irgendwas ist da faul.

Im Zug nach St. Petersburg traf ich den Schriftsteller, Historiker und Zeit-Autor Markus Flohr, der mir berichtete, wie er sich seit langer Zeit wieder an seine anderen Vornamen Helmut und Wilhelm erinnern musste, weil die Russen wollten, dass er die auf seiner Fan ID angibt. Diese Fan ID ersetzt die Visa, ist kostenlos und gilt von 10 Tagen vor dem Turnierstart bis 10 Tage danach. Einerseits wird es Leuten durch sie erleichtert, Mutter Russland zu besuchen. Dies gilt aber nur für Ticketinhaber der WM. Die zehntausenden vielleicht hunderttausenden Fans, die ohne Tickets sonst auch in Turnierländer gereist sind, um die Stimmung vor Ort mitzunehmen, ihr Team im Training zu sehen und mit den Fans anderer Länder in den Strassen feiern, kommen diesmal also nicht. Im Namen der Sicherheit tut sich Russland damit touristisch keinen Gefallen, nicht jetzt und nicht mittelfristig. Und das grosse internationale Fussballfest als Begegnung wird dadurch erheblich kleiner.

Markus Flohr, der mit seinem Buch „Wo samstags immer Sonntag ist“ in Deutschland einst einen kleinen Bestseller landete, hat ein Ticket für Marokko – Iran ergattert, und im Tausch gegen das Zeit-Magazin zur russischen Revolution von 1917 spontan einen Schlafplatz auf dem Boden meines Hotelzimmers.

Im Stadion fallen zwischen all der Werbung und all den Nationalflaggen zwei Banner von iranischen Frauen (und Männern) kaum auf. Sie mahnen, dass iranische Frauen im Iran endlich auch Männern im Stadion beim Sport zuschauen dürfen. Gegen Marokko wird das Team von auffällig vielen iranischen Frauen supportet.

Und am Ende war es ausgerechnet der marokkanische St. Paulianer Aziz Bouhaddouz, der in der Schlussminute per Eigentor den 0:1-Sieg für das iranische Team klarmachte. Markus Flohr sass bedröppelt neben mir im Stadion, sein St. Pauli-Trikot – das einzige im Stadion – sah nun noch besonderer an ihm aus.

Restaurant-Tipp St. Petersburg: Das georgische Restaurant TEFSI (Zamyatin Pereulok 4)

Rogue Taxidermy von Days ‘n’ Daze(Die spielen am 18. Juli übrigens im Kuzeb in Bremgarten und am 28. Juli im Rümpeltum in St. Gallen)

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    Moskau, 14. Juli

Jetzt geht es also los! Das russische Team startet mit einem Paukenschlag gegen Team Saudi-Arabien, das zuletzt gegen die zugegeben nicht bestbesetzten Teams aus Italien (in St. Gallen) und Deutschland gar nicht so schlecht aussah. Und ich werde an dieser Stelle so viertägig wie möglich immer mal wieder einige Eindrücke aus Russland mit euch teilen, die sich nicht immer nur um den Fussball drehen werden.

Es ist bekannt, das grosse Städte grosse Sportereignisse so verschlucken, und die Reisenden Sportfans gar nicht so sehr als Masse auffallen. In Moskau scheint das anders. Schon in den Tagen vor dem Eröffnungsspiel sammeln sich viele Fans in bunter Trikot- und Fahnenpracht im Kernbereich rund um Kreml und Bolshoi-Theater, begrüssen sich freundlich und freuen sich, die anderen zu sehen. Gute Stimmung. Bis auf einige wenige Brasilianer, die ein argentinisches Shirt verkehrt herum vor sich herschleppen, beschrieben mit homophoben Schimpfwörtern gegen Argeninier*innen, begleitet von ihren Stinkefingern, die sie immer mal wieder in Richtung des Shirts erheben.

Später sollte bekannt werden, dass der Menschenrechtler Peter Tatchell auf dem Roten Platz festgenommen wurde, weil er allein gegen die grausame Behandlung von Leuten aus der LGBT-Community in Tschetschenien protestiert hatte. Auch wenn er wieder auf freiem Fuss ist, wird er sich Ende Juni vor einem russischen Gericht verantwortlich zeigen müssen. Unangemeldete Proteste, auch von Einzelpersonen, sind in der Öffentlichkeit scheinbar nicht zulässig. Während diese Zeilen mein Laptop erreichen, werden sich die öffentlichen und institutionellen Reaktionen auf diesen Fall sicher noch entwickeln. Bitte lest die internationalen Medien dazu oder eventuell demnächst diesen Blog.

Gleiches gilt für einen Bericht auf PinkNews, laut dem zwei nichtrussische LGBT-Menschen in St. Petersburg auf dem Weg zu einem Taxi in St. Petersburg brutal angegriffen wurden. Schwere Kopfverletzung und Gehirnerschütterung bei einer Person, heisst es. Über die Gründe herrscht Kalter Krieg der Medien: während PinkNews voraussetzt, dass der Angriff einen homophoben Hintergrund hatte, bestreiten russischen Quellen dies und erwägen Diebstahlgründe. Immerhin gab es sofortige Festnahmen der mutmasslichen Täter. Nun bleibt erst einmal zu hoffen, dass es der verletzten Person bald wieder besser geht. Und dann wird es interessant zu sehen, was die russischen Behörden abschliessend dazu bekanntgeben.

Generell kann es zumindest für die Metropolen durchaus gesehen werden, dass es positive Schübe gibt, z. B. über pop-subkulturelle Nischen und Mainstreamansammlungen. Zum Beispiel mit Bands als Agenten für soziale Einflüsse auf kulturelle Hegemonien, auch wenn solche Mühlen der Veränderung langsam malen. Interessant war es da, wie sich Rise Against-Sänger Tim McIlrath am 12. Juni in Moskau bei einem Konzert vor die ca. 2500 Besuchern stellte und einen der Kernsongs der Show nicht nur mit einem plakativen „The next song is for all LGBT people and their allies in Russia. Do not give up your fight!“ stellte, sondern dies zusätzlich mit klaren Erklärungen untermauerte. Die endeten mit den Worten „No one ever will be homosexual because of propaganda. Believing that propaganda can influence someone is complete bullshit!“ Die grosse Mehrheit applaudierte MCIlrath lautstark. Zuvor hatte er die Zuschauer immer wieder positiv mitgenommen und somit auch seinen Kurzvortrag vorbereitet, indem er nach oder vor den Songs die starke Bedeutung der Moskauer und russichen Fans von Rise Against herausstrich. Nun kann mensch sagen, dass dass „Preaching to the converted“ sei, aber so homogen sah das Publikum bei weitem nicht aus, wenn mensch sich die sozialen Codes der Leute mal so anschaute.
Einige Tage vor der Rise Against-Show trafen sich beim Festival „Punk vs. Elektroschock“ von Amnesty International in weit kleinerem Kreis diejenigen, die sich schon eher einig sind. Aber auch nicht, um „Preaching to the converted“ zu betreiben und sich Selbstbestätigung im eigenen Kreis abzuholen. Es ging darum Geld zu sammeln für antifaschistische Aktvist*innen und ihre Angehörigen, und darum aufmerksam zu machen gegen vermeintliche Misshandlungen in russischen Gefängnissen. Dazu aber mehr im zweiten Teil.

Ab und an kommt Moskau daher, wie Berlin in sauber. Die abendliche Beleuchtung ganzer Gebäude und solche von Namensschildern an Hotels Geschäften, Kneipen vermengt eine Idee Ehrfurcht mit Ein-Euro-Shop-Kitsch. Verlässt mensch die vielen pompösen Strassen mit den Häuserblöcken aus der Stalinzeit, die selbst King Kong nicht einstürzen lassen könnte, und ästelt sich durch kleine Wohninseln hindurch, dann wackeln die Bürgersteige, wachsen Sträucher aus Häusermauern, fragen trinkende Männer die Passierenden nach Bier. Und was sie denn hier verloren hätten. Wenn mensch dann nicht auf Russisch antwortet, verstummen und stieren sie perplex durch ihre Augenringlandschaften hindurch, die ihnen bis über die Backen reichen.
Durch einen kleinen Park am Ufer der Jausa, auf dem Weg zum Sacharow-Zentrum, gegründet im Zeichen der Aufarbeitung von politischer Unterdrückung und den oftmals verschollenen Geschichten der vielen Millionen Opfer des Sowjetregimes, sitzen schon dutzende Irokesenpunks und andere Parkbankverweser biertrinkend Spalier. Kommt irgendwie rüber wie in den 1980ern im Westen, tough zwischen Armut und Agitprop. Sie bilden das Spalier zu dem Abend unter dem Motto „Punk vs. Elektroschock“, das am 9. Juni hier angesetzt ist, obwohl nicht klar ist, wie lange die Polizei das zulassen wird. Es geht gegen Gefängnisbedingungen mit Berichten von Foltern hier insbesondere gegen die Inhaftierung von acht russischen Antifaschisten, die diese derzeit in St. Petersburg und Pensa durchleiden. Wegen angeblich widerständlerischen Aktionsvorhaben gegen die Fussball-WM.
Hinein in die scheunenartige Halle vorbei an den Ständen mit Protestshirts und Literatur, spielen bereits Бостонское Чаепитие (Boston Teaparty) vor knapp 200 Leuten. Und sogleich tut sich eine kleine eigene Welt auf, die mir schon so oft den Weg gewiesen hat. Trotzdem habe ich hier Folk- oder Riot Punk mit Banjo und Akkordeon habe ich nicht erwartet, obwohl es doch so Sinn macht. Denn zu den amerikanischen Einflüssen gehören doch die östlichen und klezmeresken in dieser in Westeuropa kaum beachteten Musikrichtung seit jeher stark dazu. Und letztere Einflüsse lassen auch unabhängig vom Folkpunk in Russland häufig noch Fröhlichkeit gepaart mit Vodka in Strömen fliessen, zumindest in meinen klischeebehafteten Hirnwindungen.

Die Bierpunks im Park hatten mich durstig gemacht, was ich bis zum Schluss des Abends auch bleiben sollte. Aber Alkohol gibt es hier keinen, denn der ist Verboten. Die Polizei scheint nur darauf zu warten, dass welcher offen gezeigt wird, um einen Grund zu haben einzuschreiten und einige Verhaftungen vorweisen zu können oder die Veranstaltung gar zu abzubrechen.

    Die Minsker Band Boston Teaparty im Sacharow-Zentrum, Moskau

Doch der Abend verläuft ruhig und ausgelassen, mit einer politischen Auktion zwischen den Shows der mitreissenden, sehr zu empfehlenden Бостонское Чаепитие (Boston Teaparty) und den durch ihren expressiven Sänger nicht minder präsenten Аркадий Коц (Arkady Kots). Die haben sich durch Auftritte bei Arbeiter*innenstreiks und Demonstrationen einen kleinen Namen gemacht und beziehen sich in ihren Songs auch heute Abend immer wieder kraftvoll wie gleichermassen arbeiterklischeebrechend auf ihre eigene Working Class-Zugehörigkeit. Ganz weit vorn uns so gar nicht mehr wie der Punkerwesten in den 1980ern, der damals gern Anarchismus mit Asozialität und Individualismus mit Egoismus verwechselte. Davon kann bei den Bands und ihrem Publikum hier im Sacharow-Zentrum nicht die Rede sein, auch nicht von seiner Zusammensetzung. Denn hier hüpfen und singen nicht nur Punks und weisse Wursthaarträger mit, sondern auch stinknormal daherkommende Mütter mit ihren Kindern zwischen 6 und 14 Jahren. Und die wieder mit vom Leben gezeichneten Omis.

Auf die Fussball-WM wird sich an diesem Abend nur platt bezogen. Es kommen immer wieder Ansagen, dass das Vorfeld der WM zu vielen strikten polizeilichen oder ähnlichen Ansagen und Festnahmen in der alternativen Szene geführt hätten. Das es nicht mehr zu sagen gibt, kann allerdings auch daran liegen, dass mein übersetzender Tawarisch sich irgendwann vom Acker gemacht hatte.

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